KOLPORTEURE

Ort: , Datum: 30.12.1969

Nach 11 Jahren konstanter Präsenz und der Treue zur Musik, hauen die Berliner nun ihr fünftes Album raus. Es trägt den Namen „Leinen Los“ und dieses auch nicht umsonst. Ein viel versprechender Titel, 17 neue Songs und dahinter fünf Musiker die eine Menge zu sagen haben. Wir wollten was davon hören und Ihr bestimmt auch…

Nix Gut:
Eine lange Bandgeschichte und vier Vorgänger-Alben liegen hinter Euch. Die aktuelle fünfte Scheibe mit dem Namen „LEINEN LOS“ (kam)(kommt) am 10.11.06 raus. Hat dieser Titel eine bestimmte, tiefer gehende Bedeutung?

Kolporteure:
Pat: Sicher. Alle unsere Album Titel hatten bisher ne Bedeutung, natürlich auch dieser.

Nix Gut:
Na dann spannt uns nicht auf die Folter...

Kolporteure:
Pat: "Alles unter Kontrolle" war ein Lebenszeichen nach 5 Jahren ohne Veröffentlichung. Wir wollten sagen: Keine Sorge, wir sind noch da. "Leinen Los" entstand in nur einem Jahr, in einer zum Teil neuen Besetzung, so konnten wir wie entfesselt an das Schreiben neuer Stücke gehen und "alten" Ballast hinter uns lassen. Wir waren einfach geil darauf uns an neuen Stücken, in denen sich auch textlich neue Facetten widerspiegeln, auszuprobieren... "Leinen Los!" bedeutet einfach: weiter, auf zu neuen musikalischen Ufern, mit neuer Mannschaft und neuen Ideen.

Nix Gut:
"Zum Teil neue Besetzung"? Wer und warum hat die Band verlassen und welcher würdige Ersatz ist jetzt dabei?

Kolporteure:
Otti: Schon während der Produktion der "Alles unter Kontrolle"-CD ist Rico (der Basser) gegangen. Er hatte keinen Bock mehr auf uns. Schon in dieser Zeit kam Dieter, ein Österreicher mit südafrikanischem Migrationshintergrund, zu uns, konnte aber halt zu dem Zeitpunkt nicht mehr eingreifen. Aber es stellte sich schnell heraus, dass er ein großes Potential an Ideen mitbrachte.

Nix Gut:
Ihr macht keinen typischen Deutschpunk, sondern beschreibt es als: „Moderne Rockmusik, mit fettem Gitarrensound und Punk-Beat, kombiniert mit deutschen Texten und markanter Stimme“. Finden sich alle Punkte auch in der ganz neuen Scheibe wieder oder kamen andere Einflüsse hinzu, wenn ja welche?

Kolporteure:
Pat: Es ist immer schwer einzuschätzen was man selbst macht. Es sind sicher noch Elemente vorhanden, auch wenn für mich die Grenze zwischen hart gespieltem Rock und Punk immer mehr verschwimmt. Was ist Punk Rock? Es gibt bestimmte Beats die sicher jeder gleich als Punk identifiziert, die haben wir aber schon immer eher selten eingesetzt. Wir haben dieses Mal bewusst darauf verzichtet, uns in irgendwelchen Grenzen zu bewegen (ganz im Gegenteil); wir haben einfach das gemacht, was für die Songs am Besten war.

Nix Gut:
Euer erstes Album mit dem Namen „Wahn Oder Wahr?“ erschien 1997! Seit dem ist jede Menge Zeit vergangen. Wie seht Ihr Euren Werdegang bis zum heutigen Tag, in welcher Form fand eine Entwicklung bei Euch, der Band und der Musik die Ihr macht statt?

Kolporteure:
Otti: Das ist etwas viel Inhalt für eine Frage. Nur kurz: Außer Jan hatte keiner bei uns Banderfahrung, so dass sich alles Schritt für Schritt entwickelt hat. Natürlich gab es Vorbilder, aber mit den Jahren entwickelt man seinen eigenen Stil, so dass jeder, der uns kennt, weiß: ja, das sind die Kolporteure. Bei jeder Platte glaubt man ja auch, einen Meilenstein geschaffen zu haben, so natürlich auch diesmal, unterm Strich will man einfach gute Songs machen. Das war immer unser Bestreben und das wird es bleiben.

Nix Gut:
Heißt es, dass die Vorbilder nach und nach gestorben waren oder gibt es diese noch heute? Welche waren oder sind es denn?

Kolporteure:
Otti: Der Ostpunk prägte uns genauso wie die Ausläufer der 80-er-Independent-Mucke. Direkte musikalische Vorbilder gab es nicht, sondern Stile. Jeder hört was anderes, jeder hat ein anderes Empfinden, wenn er Songs entwickelt, somit bleibt für die Band gar kein konkretes Vorbild. Es ist von Duran Duran bis Slayer alles drin.

Nix Gut:
Duran Duran ist ja sehr gewagt, würde nicht jeder zugeben, Ihr seid ehrlich! Wenn man auf fünf Alben und zehn Jahre Arbeit zurückblickt schwirren einem sicherlich so einige Gedanken durch den Kopf. Welche Tiefen und Höhen hattet Ihr in dieser Zeit, was war richtig scheiße gelaufen und was unvergesslich gut?

Kolporteure:
Otti: Wir haben viel erlebt. Viele Höhen, viele Tiefen. Wir hatten einen schnellen Start, waren schnell "Helden von Marzahn". Mit dem Weggang von Danny 1999 mussten wir uns Gedanken machen, wie wir weitermachen wollen. Ulf, für 3 Jahre die zweite Gitarre, half uns live und wir lernten voneinander. Aber erst mit Malte fügte sich die Band wieder zu einer Einheit, die kreativ arbeiten konnte.
Malte: Der Aufschwung, der sich seit drei Jahren eingestellt hat, zeigt das eigentliche Potential in der Band, das ist auch der große Höhepunkt in der letzten Zeit; wir haben quasi die Karre aus dem Dreck gezogen und kleine Clubs mit Zuschauern gesprengt. Darauf sind wir stolz.

Nix Gut:
Lassen wir das musikalische kurz außer Acht. Erzählt mal einen Schwank aus Eurem privaten Leben, was macht Ihr neben der Musik noch so?

Kolporteure:
Pat: Wir chatten den ganzen Tag, ha ha! - Jeder von uns hat seine ganz alltäglichen Sachen, geht arbeiten oder auch nicht.
Malte: Ich lese, sammle Briefmarken und schaue viel fern!
Otti: Arbeiten, um zu leben, zu überleben... Ich habe einen Sohn, eine neue Wohnung und jede Menge Mädels zu quälen. Dieter jagt Verbrecher, Malte reist wie wild durch die Lande. Jan sitzt im Bistro und Patrick überwacht die Gesundheit im Land.

Nix Gut:
Wie können wir das mit Dieters Beschäftigung verstehen? Bitte Aufklärung, bevor Missverständnisse und irgendwann Morddrohungen entstehen, nach dem das einer gelesen hat!

Kolporteure:

Keine Polizei, aber sonst: Top secret, wirklich, da kann man nicht mehr zu sagen!

Nix Gut::
Ok - Liebe Leser, ein neues Opfer ist gefunden!
Hier eine Chance Euch wieder aus dem Schlammassel zu ziehen: Wie groß ist Euer politisches Interesse?

Kolporteure:
Pat: Ok, endlich mal wieder was für mich; Das Interesse an politischen Themen ist groß, auch wenn sich der Fokus in den Jahren sicher verändert hat. Mann muss auch textlich nicht auf jeder Platte ein "1995" haben, es ist ja bereits gesagt worden was wir zu diesem Thema denken. Ansonsten ist es immer wichtig für seine Überzeugungen einzutreten, egal ob auf der Bühne oder im Privaten.
Malte: Trotz allem politischen Interesse ist die Platte aber sehr persönlich geworden, wir haben allesamt ganz normale Erlebnisse, Freunde kommen und gehen, Trennungen passieren etc., das musste auch mal verarbeitet werden. Es gibt ja noch mehr im Leben als Protest.

Nix Gut:
Das stimmt und es gibt viele die so denken wie Ihr. Dadurch hat sich die Punkszene in all den Jahren ihrer Entwicklung in viele kleine Sub-Subkulturen gespalten. Von Crustlern über Oi-Punks zu Polit-Punkern gibt es viele spezifische Gruppierungen. Zu welcher fühlt Ihr Euch persönlich zugehörig?

Kolporteure:
Pat: Es gibt sicher verschiedene Szenen, deren Berührungspunkte groß sind. Sehr stark ist sicher die OI/Streetpunkszene, denen ich aber nicht unbedingt das Ettikett "politisch" zuordnen würde. Ansonsten spielen wir immer wenn eine Antifa Gruppe anfragt, auf Demos oder wo auch immer. Unsere Musik ist live sehr hart und schnell und setzt Emotionen frei die sicher auch für politische Aktionen genutzt werden können. Da muss nicht immer ein explizit "gegen" was auch immer im Text stehen.
Malte: Wir sind nicht unpolitisch, wir sitzen nicht in einer bestimmten "Szeneschublade". Für nur eine davon sind wir ja in der Band schon zu verschieden… (haha) Wir vertreten ganz klar unsere Meinung zu allen möglichen Themen. Aber es geht auch um den Rock'n'Roll im Leben!

Nix Gut:
An dieser Stelle zurück zur Musik, welche Themen werden auf Eurem neuen Album behandelt?

Kolporteure:
Otti: Wie der Titel ja sagt, es ist ein Aufbruch zu neuen Ufern. Daher drehen sich die Songs auch um solche Sachen wie Neuorientierung, Abschied, Loslassen und eben in eine neue Zukunft aufbrechen. Es ist unsere Sicht auf die Dinge der letzten Jahre, ein Fazit sowohl im Persönlichen als auch im Gesellschaftlichen. Da geht es genauso um persönliche Erlebnisse, Lust auf Leben und Unabhängigkeit wie um aktuelle Ereignisse, sei es der ziemlich zerrüttete politische und moralische Zustand in unserem Land oder der ganze religiöse Irrsinn auf der globalen Bühne.

Nix Gut:
„Ein wenig Punk“ ist ja dann euer recht ironischer Blick auf die Punkszene, oder?

Kolporteure:
Otti: Ein ehrlicher auf jeden Fall.  Die Lach- und Spaßgesellschaft geht auch am Punk nicht spurlos vorüber. Die Zeit, als die Punkbewegung Druck auf die Gesellschaft ausübte und provozierte, ist ja nun mal vorbei. Einerseits laufen auch Banker mit Iro herum, andererseits gibt die Punkbewegung auch nicht immer ein politisches Bild ab. Für uns ist und war nicht wichtig, ob man wie ein Punker aussieht, sondern dass etwas dahinter steht.

Nix Gut:
Ihr kommt ja aus Berlin, und habt mit „Nein“ einen nicht ganz typischen Berlin-Song auf der neuen Platte dabei. Erzählt mal was darüber.

Kolporteure:
Pat: Naja, zuerst einmal sollten die Leute, die in Friedrichshain wohnen, den Song nicht allzu ernst nehmen. Es geht einfach darum, dass man, um Berliner zu treffen, oft nicht in die eigentlichen Szeneviertel gehen sollte. Oder dass es auch in den anderen Bezirken lustig sein kann.

Nix Gut:
Berlin ist eine riesige Stadt, mit einem Überangebot an Veranstaltungen und vielen Freaks. In welchen Gegenden, Clubs und Kneipen würde man denn auf Euch treffen? Und welche Bezirke sind es denn in denen es auch „lustig sein kann“.

Kolporteure:
Pat: Puh, wir sind da nicht festgelegt, letztens waren wir im SO36 zu Dead Moon, übermorgen sind wir vielleicht im Black Point oder Feuermelder in F’hain ein Bier trinken, ansonsten bin ich überzeugter Weddinger...
Jan: Früher war ich gerne im „Renner“, aber den gibt’s ja leider nicht mehr… war ein gutes Aushängeschild für die Randbezirke.

Nix Gut:
Fühlt Ihr Euch alle in der Millionen Metropole Berlin so richtig wohl oder ist es mehr die Gewohnheit die Euch an diese Stadt bindet?

Kolporteure:
Malte: Berlin ist toll, ganz klar. Wegfahren ist schön, raus aus dem Lärm und dem Stress, aber wenn man wiederkommt, ist man doch immer wieder "zu hause".
Otti: Mich bindet so viel an Berlin, dass ich gar nicht weg kann. Es ist schon ein bewegtes Leben hier.

Nix Gut:
Habt Ihr bestimmte Wünsche, Vorstellungen oder Ziele die für Euch nach dem fünften Album eintreffen sollten?

Kolporteure:
Malte: totaler Durchbruch natürlich. :-) auf jeden fall wünschen wir uns, dass die Platte allen Leuten so gefällt, wie sie uns gefällt, dass unser Publikum mitsingen kann, dass es fröhlich weiter geht und mir nicht wieder zwei Saiten in einem Konzert reißen...

Nix Gut:
Nach dieser langen Sitzung gehen wir mal dem Ende dieses Interviews entgegen und kommen an die Stelle der alteingesessenen Band-Message, die Ihr Euren Fans, Zuhörern und Lesern mitgeben dürft!

Kolporteure:
Hört Euch einfach unsere neue Platte an und verliebt Euch in die Songs... as we do...

Nix Gut:
Wir bedanken uns für diese elendlange Gegenüberstellung und sind sicher dass die Hörer begeistert sein werden! Haut rein…


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